Lutherkirche

Bau und Wiederaufbau der Lutherkirche

im Spiegel des Archivguts der ehemaligen Ev. Kirchengemeinde Gelsenkirchen – Hüllen
Erstaunlich umfassend ist der Wiederaufbau der Hüller Lutherkirche in den frühen 1960er Jahren durch Archivalien dokumentiert: nicht nur die zu erwartenden amtlichen Schreiben, Angebote und Briefwechsel finden sich im Archiv der damaligen Kirchengemeinde Hüllen (1894 bis 2010), sondern auch Musterbroschüren und Werbeprospekte für die Innenausstattung, von der Heizung bis hin zu den Stühlen, wurden hier abgelegt und somit für die Nachwelt erhalten.


Die Geschichte der Lutherkirche beginnt jedoch schon in den 1890er Jahren. Das Bedürfnis der evangelischen Einwohner der Ortschaft Hüllen, die zur 1874 gegründeten Ev. Kirchengemeinde Braubauerschaft gehörten, nach einer eigenen Gottesdienststätte führte 1891 zunächst zur Anmietung eines Saales vom Gastwirt Albert Rau für 300 Reichsmark jährlich, der als Andachtsraum für Hüllen genutzt wurde. Diese Lösung genügte auf Dauer jedoch nicht, so dass sich am 1. November 1892 unter Beteiligung von Einwohnern des Nachbarortes Bulmke, der teilweise ebenfalls zur Kirchengemeinde Braubauerschaft gehörte, der Kirchbauverein Bulmke – Hüllen gründete. Noch vor dem Neubau einer Kirche verfolgte dieser Verein den eigentlich satzungsfremden Zweck der Gründung einer unabhängigen Kirchengemeinde in Hüllen, die 1894 tatsächlich verwirklicht wurde.


Die Grundsteinlegung zum Bau der Gemeindekirche für die neue Gemeinde fand am 19.4.1896 statt. Das neugotische Gebäude nach Plänen des Barmer Architekten Gerhard August Fischer wurde unter der Leitung des Bulmker Bauunternehmers Engelhardt zunächst ohne einen Kirchturm errichtet  und am  28.10.1897 in einem Festgottesdienst durch Generalsuperintendent Nebe aus Münster geweiht, nachdem man sich vorher feierlich vom „Rau’schen Saal“, dem alten Betraum, verabschiedet hatte. Die Baugenehmigung zur vorgesehenen Erweiterung der Kirche wurde, scheinbar verzögert durch die vom königlichen Konsistorium unterstützten Abpfarrungsbestrebungen des Bulmker Gemeindeteils, erst im November 1905 erteilt. Nun wurde die Lutherkirche um einen Glockenturm erweitert und mit einer neuen Heizanlage und einer größeren Orgel mit elektrischem Gebläse ausgestattet. Am 23.12.1906 wurde der so erweiterte Bau erneut eingeweiht. 1927 erhielt er eine neue Innenausmalung durch einen Düsseldorfer Kunstmaler und wurde mit neuen Paramenten an Altar, Kanzel und Lesepult versehen.


Von den Luftangriffen auf Gelsenkirchen im Zweiten Weltkrieg war die Lutherkirche stark betroffen. Schon 1942 und mehrfach 1943 wurden ihr immer mehr Schäden durch Fliegerbomben zugefügt, so dass sie von Juni 1943 an unbenutzbar war und erst im Januar 1944 nach Notreparaturen wieder gottesdienstlich genutzt werden konnte. Doch ein erneuter Bombenangriff am 12./13. September und schließlich das verheerende Bombardement Gelsenkirchens am 6. November 1944, das auch viele andere Kirchen im Stadtgebiet schwer traf, sorgten für die fast völlige Zerstörung der Lutherkirche, die vollständig ausbrannte.


Nach dem Krieg wurden für die Abhaltung der Gemeindegottesdienste vorläufige Lösungen (Gottesdienste im Pfarrhaus, dann in einem Gemeindesaal an der Vandalenstraße) in Anspruch genommen; über eine Wiedererrichtung der Gemeindekirche konnte erst seit Mitte der 1950er Jahre konkret gedacht werden. Das Presbyterium, das sich vor die Wahl zwischen einem Wiederaufbau auf den erhaltenen Fundamenten oder einem Neubau gestellt sah, entschied sich für die letzte Möglichkeit. Das geschah laut Gemeindechronik aus finanziellen Gründen, da die Rekonstruktion auf den alten Fundamenten erhebliche Kosten verursacht hätte. Ende 1956 legte Karl Helmut Wagner aus der Gemeinde Niefern an der Enz (heute Niefern – Öschelbronn) bei Pforzheim im Auftrag des Presbyteriums einen Entwurf vor, der wesentlich kühner wirkt als der später ausgeführte Architektenentwurf des Büros Rank & Pasch: Wagners Konzept sieht ein Kirchenschiff mit südlichem Seiteneingang und teils rautenförmigen Fenstern sowie einen erhöhten östlichen Altarraumbau mit konkavem (nach innen gewölbtem) Dach und einem kegelförmigen Kirchturm vor, wobei die Glocken im Dachstuhl über dem Altarraum aufgehängt werden sollten. Da K. H. Wagner kein Architekt war, befürchtete das Presbyterium aber Haftungsschwierigkeiten bei Baumängeln und lehnte den Entwurf gegen den Widerstand der Pfarrer 1957 ab. Die Pfarrer Albrecht Winter und Gert Blätgen konnten sich mit ihrer Befürwortung von Wagners Entwurf, der laut einem Brief Winters an das Bauamt der Landeskirche „theologisch – geistlich durchdacht ist und sich ebenso vom öden Traditionalismus wie auch von modernistischen Mätzchen fernhält“, nicht durchsetzen. So wurde das Gelsenkirchener Architekturbüro von Hans Rank und Kurt Pasch mit einem weiteren Entwurf beauftragt, der schließlich genehmigt wurde. Inzwischen waren die Reste der kriegszerstörten Lutherkirche durch die Stadt Gelsenkirchen abgebrochen worden. Am 16.2.1960 fasste das Presbyterium den Beschluss zum Neubau. Dem folgten der erste Spatenstich am 4.November und die Grundsteinlegung am 5. März 1961. Eine Beschreibung der Lutherkirche eines ungenannten Verfassers, datiert auf den 19.5.1962, erläutert Entwurf und Ausstattung folgendermaßen: „Der Grundriss der Kirche ist trapezförmig. […] Der Kirchturm ist durch einen 8 m langen Verbindungsgang mit dem Kirchenschiff verbunden. […] Durch diese Form – Trapez und Turm im Schnittpunkt – will sich die Kirche nicht dem Strom der Zeit verschließen, ja, vielmehr noch, die Kirche stellt den Menschen in die Gemeinde Jesu Christi, will ihn zum Worte Gottes führen. Betrachten wir das Hauptportal, einziger Schmuck der mit roten Klinkersteinen verblendeten Giebelwand. Hier finden wir die Aufgaben unserer Kirche, von Künstlerhand in Bronze geschaffen: Taufe, Abendmahl, Wortverkündigung […] Der Blick fällt auf die große Fensterfront an der Südseite, die mit ihren schlanken aufwärtsstrebenden Sichtbetonpfeilern ausreichenden Lichteinfall gewährleistet. Durch die ornamentale farbige Aufgliederung und die Motive erhält die gesamte Glasfläche, in Betonglas ausgeführt, Bedeutung und Leben. […] Der Blick geht durch den Mittelgang zum Altarraum. Da hängt das Kreuz. […] Wir begegnen hier nicht dem nur leidenden Christus, sondern dem, der für uns gestorben, der aber auch für uns auferstanden ist. Auf dem Altar das Retabel [= Altaraufsatz], die „Emmausgruppe“. [...] Wir werden durch die Lebendigkeit des Retabels mitten unter das Wort und in die Begegnung mit Jesus gestellt. Und so findet die Gemeinde im Altarraum nicht nur Baustoffe der heutigen Zeit, sondern auch die Weihe des sakralen Raumes.“


Die genannten Ausstattungsstücke wurden ebenso wie Taufschale, Bibelpult, Liedanzeigen und Leuchter bei der Hamburger Werkstatt für kirchliche Kunst Friedrich Stuhlmüller bestellt. Die Ausführung des Kreuzes wich jedoch von der Vereinbarung ab, was zu Unstimmigkeiten zwischen der Gemeinde, vertreten durch Pfarrer Burckhard Vonhof, dem Architekten Rank und der Firma Stuhlmüller führte, die sich, unter Beteiligung von Anwälten und Klageandrohungen, bis 1963 hinzogen.
Ein vielbeachtetes Ereignis war die Aufsetzung des Turmkreuzes am 30.9.1961. Das 3,60 m lange Metallkreuz wurde mit einem Bundeswehrhubschrauber zum Turmdach geflogen, herabgesenkt und von Bauarbeitern in die vorgesehene Öffnung geschoben. Außerhalb der Sicherheitsabsperrung durch die Polizei, für die sogar der Busverkehr teilweise stillgelegt wurde, verfolgten ca. 3000 Schaulustige das Geschehen aus der Entfernung. Auch in der Lokalpresse wurde die Aktion entsprechend gewürdigt.
Wenige Monate später, am 25.2.1962 fand die feierliche Einweihung der zweiten Lutherkirche durch Präses Wilm statt.
Benjamin Bork


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